„Holen wir uns das volle Leben zurück.“ Die Diskussion über das Impfen nimmt in Deutschland Fahrt auf, seit genügend Impfstoff zur Verfügung steht. Dazu gehört auch der Werbespruch der Bundesregierung. Allerdings liegen zwischen der optimistischen Aufforderung und der oft als wenig hilfreich empfundenen politischen Realität Welten. So können sich Millionen Betriebe, Soloselbständige Arbeitnehmer, Schüler/Studenten etc. nicht auf verlässliche Beschlüsse der Ministerpräsidenten plus Kanzlerin oder auf als unbürokratisch angekündigte Hilfsmaßnahmen verlassen und somit auch nicht fest planen. Wie zu erwarten, prallen dabei oft sehr unterschiedliche Meinungen, wie manche Beschlüsse umzusetzen seien, aufeinander und es ist auch nicht zu erwarten, dass sich daran bald etwas ändern wird.

Auch die Kreuzfahrt hat keine einheitlichen Konzepte, wie das Geschäft schnell und vor allem nachhaltig wieder angekurbelt werden kann, obwohl sich kurzfristig ein Trend abzeichnet, dem sich viele Anbieter nicht entziehen können. In den USA verlangen inzwischen nahezu alle Kreuzfahrtanbieter von ihren Kunden einen Impfnachweis oder einen Beleg, dass sie genesen sind. Gleichzeitig versichern sie, dass auch alle Crewmitglieder den nötigen Impfschutz erhalten haben. Das ist nicht immer nachprüfbar, wie sich bei einigen Crewmitgliedern gezeigt hat, die aus Ländern kommen, in denen der Impfstoff knapp ist und die sich daher illegal den Nachweis verschafft haben, um den Job auf einem Schiff überhaupt zu erhalten.

In Europa geht die Tendenz zwar auch dahin, alle Crewmitglieder impfen zu lassen, aber bei den Passagieren gelten unterschiedliche Anforderungen. Hapag-Lloyd Cruises verlangt beispielsweise als eine der ersten Reedereien von den Gästen, dass sie den vollen Virenschutz nachweisen können. Diese Forderung dürfte der Reederei nicht sonderlich schwer fallen, da das Klientel, von dem der volle Schutz verlangt wird, nicht nur überwiegend alt, sondern in der Regel auch wohlhabend ist und den Querdenker-, Coronaleugner- oder Impfgegner-Gruppen kaum nahesteht. Außerdem handelt es sich pro Abfahrt lediglich um bis zu 120 bis 150 Passagiere, eine sehr überschaubare Zahl. Die Bereitschaft, sich schnell impfen zu lassen, ist in dieser Gesellschaftsschicht besonders groß und auf die wenigen Passagiere, die aus gesundheitlichen Gründen eine Impfung ablehnen, kann der Veranstalter verzichten.

Das sehen andere Reedereien völlig anders. So argumentierte Pierfrancesco Vago, Chairman von MSC Cruises, er könne doch nicht Eltern mit Kindern als Kunden ablehnen, nur weil sie nicht geimpft seien: „Wir sind eine Familienreederei.“ Andere halten sich an die 3G-Regel (geimpft, genesen, getestet). Hier zeichnet sich allerdings ebenfalls ab, dass die Tests erheblich an Bedeutung verlieren werden, da sie zumindest in Deutschland ab Oktober 2021 auch nicht mehr kostenlos sind, also vom Kunden oder Dienstleister bezahlt werden müssen. Das erhöht den Druck, sich impfen zu lassen, wenn man reisen, in ein Restaurant, zu Events, Kino- Theater- oder Sportveranstaltungen gehen möchte. Eine mögliche Folge: Gegner der Impfung können auch zu Gegnern einer Kreuzfahrt werden. Sie glauben an ihre Argumente, liegen mit ihrer Haltung richtig und werden nun unterdrückt, ihrer Rechte beraubt. Es sind immerhin mehr als 30 Prozent der deutschen Bevölkerung, die den Impfgegnern zuzurechnen sind. Auf diese Zielgruppe können vor allem die Anbieter, die große Kundenzahlen benötigen, schwerlich verzichten.

Dieser spezielle Quellmarkt wird noch bedeutender, wenn die Abstandsregeln aufgehoben werden. Das wird kommen, denn mit der jetzt noch geltenden Einschränkung der Kapazitäten durch die Abstandspflicht lassen sich möglicherweise Break-even-Ergebnisse erzielen. Aber erst die Nutzung der vollen Kapazität eines Schiffes, eines Restaurants, Theaters oder Stadions, um nur einige Beispiele zu nennen, wird es den meisten Betrieben erlauben, ihr verlorenes Eigenkapital, den Verlust stiller Reserven sowie die Rückzahlung von Pandemiekrediten zu stemmen.

Eine weitere gefährliche Entwicklung könnte darüber hinaus das Wiedererstarken der Kreuzfahrt über einen längeren Zeitraum hinweg erschweren: Es zeichnet sich ein gesellschaftlicher Wandel ab. Der hängt nicht nur mit der Pandemie zusammen, sondern ist auch dem Klima- und Umweltschutz geschuldet. Immer mehr Urlauber beginnen zu begreifen, welche Probleme auf den Einzelnen zukommen. Das bisher bequeme Leben gerät unter Kostendruck. Strom, Wasser, Mieten, Treibstoffe und Nahrungsmittel werden schnell immer teurer und gleichzeitig steigen die Kosten zum Umbau der Wirtschaft mit Folgen auch für den Arbeitsmarkt. Politiker übergehen gerne diesen Teilaspekt ihrer Beschlüsse. Aber sie sind unabwendbar und führen dazu, dass der Einzelne den Gürtel enger schnallen muss. Das wird auch das tägliche Leben mehr und mehr beeinflussen, denn das bedeutet Verzicht. Bei der Wiedervereinigung war das Teilen, das Abgeben für viele im Westen ein Problem, jetzt „verlieren“ alle.

Erste Umfragen bestätigen, dass mehr Menschen als bisher daher über ihre weltweite Reisetätigkeit nachdenken. Der einstige Reiseweltmeister beginnt umzudenken, was durchaus den Schluss zulässt, dass die früheren Zahlen in der Touristik schwer und nur mit veränderten Strukturen zu erreichen sein werden.

Bei der Kreuzfahrt kommt noch ein Teilaspekt hinzu. Traditionell überwiegen  ältere Passagiere bei der Nachfrage nach Flusskreuzfahrten oder Urlaub auf See. Jetzt kommt jedoch eine Generation in das Rentenalter, die deutlich weniger für ihre Lebensleistung erhalten wird als ihre Vorgänger. Der hoch verschuldete Staat wird Mühe haben, sich auf eine neue dringend notwendige Rentenfinanzierung zu einigen. Die Folge ist eine zunehmende Altersarmut, nicht gerade ein positives Vorzeichen für Kreuzfahrtunternehmen.

Außerdem wird es zusätzlich einen Trend hin zu kleineren Schiffen geben, was gegenwärtig bereits zu beobachten ist. Der Markt der kleineren Schiffe erlebt schon jetzt – gemessen an den durchschnittlichen Zahlen des Gesamtmarktes – einen spürbaren Anstieg des Neugeschäfts. Passagiere, die von den großen Volumenschiffen kommen, entdecken den Reiz der Expedition. Dabei dürfte durchaus auch die gestiegene Sensibilität eine noch weitgehend „heile Umwelt“ zu besuchen, eine Rolle spielen. Bei den Volumenschiffen werden sich die Veranstalter daher neue Angebotsstrukturen einfallen lassen müssen, um neue Gäste aus dem Bereich der Pauschalreise zu gewinnen.

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