Noch steigt weltweit die Zahl der Neuerkrankungen durch das Corona-Virus. Gleichzeitig steigt jedoch auch die Zuversicht, dass bereits im ersten Halbjahr 2021 mehrere Impfstoffe zur Verfügung stehen werden. Veranstalter und Reedereien in der Kreuzfahrtbranche stehen nun unter doppeltem Druck. Einerseits müssen noch monatelang Reisen unter Corona-Bedingungen kreiert und verkauft werden, andererseits heißt es schon jetzt, sich auf eine „Normalisierung“ der Abläufe an Land und an Bord vorzubereiten. Das betrifft sowohl die Einstimmung der eigenen Mitarbeiter wie auch der Kunden und hier vor allem der Bestandskunden. 

Die Mitarbeiter haben in den vergangenen Monaten sehr unterschiedliche Erfahrungen in ihren Unternehmen gemacht. An erster Stelle standen die langen arbeitsfreien Tage, in denen sie in Kurzarbeit geschickt wurden. Wo es möglich und auch dringend notwendig war, wurden Home-Offices eingerichtet. Das bereitete vielen Mitarbeitern erhebliche Probleme. Und das nicht nur technischer Art, sondern auch im Verhältnis zum familiären Umfeld. So schön es auch anfangs gewesen sein mag, intensiver familiäre Nähe zu erfahren, Studien weisen auf eine zunehmende Gereiztheit und Konflikte hin. Für das Management eines Unternehmens bedeutet das eine große Verantwortung. Auch wenn die Mitarbeiter die Maßnahmen zur Einsparung von Kosten zunächst verstehen und akzeptieren, brauchen viele von ihnen die Fürsorge und Betreuung durch ihr Unternehmen. Daran sind leider sehr viele Manager kläglich gescheitert. Nur wenige haben sich die Zeit genommen, die Mitarbeiter in regelmäßigen Abständen zu informieren, ihnen Dank für ihr Engagement auszusprechen oder ihnen individuelle Hilfe im Einzelfall anzubieten. So etwas ist nicht wie sonst üblich mit einer Weihnachtsfeier oder einem Betriebsfest zu erledigen. 

Mit dem Auslaufen der Pandemie kommen aber auch auf die Kreuzfahrten neue Herausforderungen zu. Auch wenn die „Floskel“, es werde wenig von dem bleiben, wie es einmal war, recht undifferenziert gebraucht wird, kommt es zu einer punktuell veränderten Arbeitswelt. Dazu zählt insbesondere der deutliche Fortschritt im digitalen Bereich. Es dürfte mehr Video-Konferenzen geben, die Arbeitszeiten werden auch durch die Schaffung von mehr Home-Offices flexibler und an Bord dürften einige der strengen Gesundheitsvorschriften beibehalten werden. Darauf müssen die Mitarbeiter schon jetzt sukzessive vorbereitet werden. Hinzu kommt, die Veranstalter und Reedereien haben es künftig mit deutlich weniger, aber dafür umso selbstbewussteren Vertriebspartnern zu tun. Wer glaubt, er könne es noch mit von den Reisebüros oder Online-Vertrieben als wenig „fair“ empfundenen Bedingungen schaffen, sie zum Partner zu machen, dürfte sich täuschen. Erste neue Kooperationsabkommen zeigen jetzt schon an, wohin die Reise geht. Auch wenn zunächst zu erwarten ist, dass in den ersten Monaten der Nach-Corona-Zeit wieder eine kräftige Nachfrage nach Reisen vorhanden sein wird, darf man sich nicht täuschen: Die hohen Umbuchungszahlen und der Wunsch vieler Bestandskunden, endlich wieder einmal eine Seereise unter normalen Bedingungen antreten zu können, trifft auf eine spürbare Buchungszurückhaltung im Neugeschäft. Außerdem dürfte der gegenwärtige Trend zum sehr kurzfristigen Buchen zunächst anhalten. Gewinner dürfte dabei zunächst die Pauschalreise sein, genau das Segment, von dem sich die Kreuzfahrt eigentlich hohe Zuwachsraten durch Abwerbung verspricht. 

Die Stimmungslage unter den Kunden, Grundlage einer erfolgreichen Marketingstrategie, gibt eine neue Studie wider. Dort heißt es: In der Corona-Krise zeige sich keine Spur von der sprichwörtlichen „German Angst“. Im Gegenteil: Die Ergebnisse einer R+V-Langzeitstudie „Die Ängste der Deutschen“ belegen, dass in dieser Ausnahmesituation viele Sorgen in den Hintergrund treten. Im Fokus stehen 2020 die wirtschaftlichen Themen, aber „die Deutschen reagieren auf die Pandemie keineswegs panisch. Das verdeutlicht der Angstindex – der Durchschnitt aller abgefragten Ängste“, sagt Brigitte Römstedt, Leiterin des R+V-Infocenters. „Viele Sorgen gehen zurück. Deshalb sinkt der Index aller Ängste von 39 auf 37 Prozent und erreicht damit den niedrigsten Wert seit Beginn der Umfrage im Jahr 1992.“ Zum 29. Mal hat das Infocenter der R+V Versicherung rund 2.400 Menschen nach ihren größten Sorgen rund um Politik, Wirtschaft, Umwelt, Familie und Gesundheit befragt. Erstaunlich gering ist in diesem von Corona dominierten Jahr die Angst vor einer schweren Erkrankung. Sie liegt bei 32 Prozent (Vorjahr: 35 Prozent). Aber gilt das auch für COVID-19? Das R+V-Infocenter hat nachgefragt. „Ebenfalls nur etwa jeder dritte Befragte fürchtet sich davor, dass er selbst oder die Menschen in seinem Umfeld sich mit dem Coronavirus infizieren könnten“, erklärt Römstedt. Die Gelassenheit zeigt sich auch bei einer weiteren Sonderfrage zu Corona: Nicht mehr als 42 Prozent der Befragten befürchten, dass es durch die Globalisierung in Zukunft häufiger zu Pandemien kommen könnte. „Angesichts der rasanten weltweiten Ausbreitung des Virus‘ hätten wir hier höhere Werte erwartet. Nach unseren Erkenntnissen haben die Menschen aber deutlich mehr Angst davor, dass das Virus ihren Wohlstand bedroht als ihre Gesundheit“, sagt Römstedt.

Einen massiven Einfluss hat die Corona-Krise auf die wirtschaftlichen Ängste – und wirbelt damit auch die Rangliste durcheinander. Erstmals seit sechs Jahren ist die Furcht vor steigenden Lebenshaltungskosten wieder unter den sieben größten Ängsten. Nach einem Anstieg um acht Prozentpunkte klettert sie von Platz zehn auf Platz zwei und liegt bei 51 Prozent. Andere Wirtschafts- und Finanzängste kommen hinzu. So befürchtet fast jeder zweite Befragte, dass die deutschen Steuerzahler für überschuldete EU-Staaten zur Kasse gebeten werden (49 Prozent, Platz drei; Vorjahr: 44 Prozent, Platz acht). In die Höhe geschossen ist vor allem die Angst vor einem Konjunktureinbruch: Belegte sie im vergangenen Jahr mit 35 Prozent noch Platz 14, springt sie jetzt nach einem Anstieg um 13 Prozentpunkte an die vierte Stelle der größten Sorgen. Arbeitslosigkeit war in den zurückliegenden Jahren des Wachstums eine der geringsten Sorgen. Doch 2020 rütteln Anzeichen einer bevorstehenden Insolvenzwelle viele Deutsche auf. Weit mehr Befragte als 2019 befürchten, dass die Arbeitslosenzahlen in Deutschland steigen

(40 Prozent, plus zwölf Prozentpunkte). Eine realistische Einschätzung, so Professor Schmidt: „Die Befragten wissen, dass in Deutschland – anders als in vielen anderen Staaten – nur die Kurzarbeit einen stärkeren Anstieg der Arbeitslosenzahlen verhindert hat.“ Auffällig: Den eigenen Job zu verlieren, befürchtet wie im Vorjahr lediglich jeder vierte Berufstätige. „Diese Spreizung überrascht auf den ersten Blick. Aber das Rätsel lässt sich lösen“, erläutert Schmidt. „Von einer gesamtwirtschaftlich zunehmenden Arbeitslosenquote sind nicht alle Befragten gleichermaßen betroffen. Entlassungen treffen derzeit überwiegend Arbeitnehmer, die in durch die Corona-Krise stark angeschlagenen Branchen arbeiten, wie beispielsweise bei Reiseveranstaltern, in Kulturbetrieben oder in der Gastronomie.“

Die innenpolitischen Sorgen – in den vergangenen Jahren stets auf den Spitzenplätzen – haben durchweg an Bedeutung verloren. Am stärksten gesunken sind die Sorgen rund um die Zuwanderung: Nach einem Rückgang von mehr als zehn Prozentpunkten sind sie auf dem niedrigsten Stand seit fünf Jahren. 2020 befürchten jeweils 43 Prozent der Befragten, dass es durch den weiteren Zuzug von Ausländern zu Spannungen zwischen Deutschen und hier lebenden Ausländern kommt (Vorjahr: 55 Prozent), und dass der Staat durch die große Zahl der Geflüchteten überfordert ist (Vorjahr: 56 Prozent). Unter die 40-Prozent-Marke gerutscht sind die Ängste vor politischem Extremismus (37 Prozent) und Terroranschlägen (35 Prozent). Unverändert präsent bleiben die Sorgen rund um die Umwelt und das Klima. 44 Prozent der Befragten haben Angst davor, dass Naturkatastrophen zunehmen und Deutschland immer häufiger von Wetterextremen wie Dürre, Hitzewellen oder Starkregen betroffen sein wird. Da politische Themen in der Corona-Krise an Bedeutung verloren haben, klettert diese Angst von Platz 13 im Vorjahr jetzt auf Rang fünf. Fast genauso viele Menschen fürchten sich davor, dass Nahrungsmittel häufiger mit Schadstoffen belastet sind (42 Prozent, Rang acht). Angesichts des Klima-Themas in Politik und Gesellschaft ein unerwartet niedriger Wert: Dass der Klimawandel dramatische Folgen für die Menschheit hat, befürchten nicht mehr als 40 Prozent (Rang elf).

Der so ermittelten differenzierten „German Angst“ folgt auch die Kalkulation bei den Kreuzfahrtproduzenten. Eigentlich müssten sie – angesichts ihrer Überschuldung – in den kommenden Jahren mit einem höheren Preisniveau reagieren. Das wird sehr schwierig. Denn angesichts der Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und der notwendigen Wiederaufstockung finanzieller Reserven war auch der Wiedereinstieg aus Sicht vieler Passagiere keine Meisterleistung der Hochseereedereien. Statt einer gründlichen Vorbereitung wurden Reisen ausgeschrieben, die dann – teilweise sogar mehrfach – abgesagt wurden oder den schnell wechselnden Reisebeschränkungen zum Opfer fielen. Erst allmählich lernen einige Unternehmen aus ihren Fehlern und müssen nun versuchen, das Vertrauen ihrer Kunden zurückzugewinnen. Dazu sollte jede Gelegenheit genutzt werden. Mitarbeiter, Partner und Kunden brauchen „Mutmacher“. Sie haben es verdient.

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