Crewmitglieder in der Küche eines Kreuzfahrtschiffes

Die internationale Kreuzfahrtindustrie beschäftigt mehrere hunderttausend Mitarbeiter an Bord ihrer Schiffe. Von ihnen stammt die überwiegende Zahl aus Entwicklungsländern, vorzugsweise von den Philippinen, wo es eine Reihe von spezialisierten Ausbildungsunternehmen gibt, die auch als Arbeitsvermittler tätig sind. Die Beliebtheit der Philippinos oder Philippina beruht allerdings nicht nur auf ihrem freundlichen Auftreten, guter Ausbildung und Arbeitseinsatz, sondern auch auf ihrer geringen Bezahlung. Das nehmen viele Kritiker zum Anlass, von Ausbeutung an Bord zugunsten einer Gewinnmaximierung zu sprechen, während andere darauf verweisen, dass selbst das niedrige Lohnniveau noch über dem liege, das die Mitarbeiter in ihren Heimatländern erzielen können. Beide Argumente sind zutreffend. Tatsache  ist, dass jährlich viele Millionen US-Dollar, die von den an Bord beschäftigten Mitarbeitern/innen in ihre Heimat überwiesen werden, tausenden von Familien einen Lebensstandard erlauben, den sie ohne die Arbeit an Bord nie erreichen können. Ob das die niedrige Bezahlung rechtfertigt, bezweifeln allerdings selbst in einem kapitalistischen System viele.

In Folge der Pandemie sitzen inzwischen jedoch mehr als Hundertausend Philippinos und weitere Crewmitglieder in anderen Entwicklungsländern arbeitslos in ihrer Heimat und müssen sich dort mühsam weitgehend ohne Hilfe des Staates über Wasser halten. Kurzarbeit oder Staatszuschüsse sind dort unbekannt. Hinzu kommt nun noch ein ungewöhnlich hoher Geburtenboom, den nicht nur die Philippinen, sondern auch andere Entwicklungsländer – vor allem Indonesien – zurzeit registrieren. Obwohl viele Familien genau wissen, dass sie eigentlich keine weiteren Kinder ernähren können, gibt es kaum Anstrengungen, sich dagegen zu wehren. Verhütungsmittel kosten Geld, das nicht vorhanden ist. Außerdem sind Antibabypillen und andere Verhütungsmittel knapp und Kondome in Asien sehr unbeliebt. Das beschleunigt nicht nur den Prozess der Verarmung, sondern behindert auch die Entwicklung des Bildungsniveaus. Ein beliebter Spruch in der Kreuzfahrtindustrie: „Der Philippino schließt einen Neun-Monatsvertrag, fährt dann nach Hause, um dort einen Blick auf sein jüngsten Kind zu werfen, produziert schnell ein weiteres und fährt wieder zu seinem Schiff, um weiter das notwendige Geld für die Familie und seinen Traum von einer eigenen beruflich Existenz in seiner Heimat zu  verdienen.“ Eine Pandemie ist bei einer solchen Vita nicht vorgesehen und nur schwer zu verkraften.

Vor allem bei den US-amerikanischen Reedereien wird die Problematik der beschäftigungslosen Mitarbeiter, die mit viel Mühe in ihre Heimatländer zurückgeführt wurden, mit zunehmender Sorge betrachtet. Einzelne Hilfsmaßnahmen wurden zwar gestartet, vor allem, um die Stammbesatzung nicht zu verlieren, aber von einer konzertierten Aktion beispielsweise durch den Reedereiverband CLIA ist nichts bekannt. Der noch zögerliche Neustart der weltweiten Hochseeflotte dürfte die Leidenszeit dieser Mitarbeiter bis weit in das nächste Jahr verlängern. Daran sollten die Passagiere auch einmal denken, wenn sie sich über die Höhe der Trinkgelder / Servicegebühren beschweren. Das Wohlfühl-Ambiente an Bord wird schließlich maßgeblich durch die Mitarbeiter geprägt.

 

1 Antwort
  1. Werner Wöhrle sagte:

    Die Lösung sind nicht Trinkgelder, sondern eine halbwegs passable Bezahlung.
    Die Leute verdienen ein vielfaches dessen, was sie zu Hause erzielen könnten.
    Allerdings ist es auch ein Knochenjob, der z. B. mit deutschem Arbeitsrecht und Arbeitszeitgesetz niemals vereinbar wäre.
    Die Leidenszeit wird nicht nur lange – für viele wird sie ewig.
    Es werden nicht mehr so viele von ihnen gebraucht, wenn überhaupt wieder welche gebraucht werden.
    Alleine Carnival will ja 18 Schiffe abgeben…für die braucht es dann keinen mehr.

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