Reiseleiter gibt in einem Café Erklärungen zur Stadt ab

„Versuchen Sie, elastisch im Gehirn zu bleiben“, wünschte der polnische Stadtführer in Stettin seiner deutschen Besuchergruppe beim Abschied. Seinem Tonfall nach konnte man durchaus davon ausgehen, dass er einige Fragen seiner Gäste während des vergangenen Rundganges als Zumutung empfunden haben muss und deren Wertung vorsichtig mit seinem Wunsch umschrieb.

Fragen zwischen naiv, dämlich und sachbezogen sind allerdings immer von Besuchergruppen zu erwarten. Das bekommen in der Kreuzfahrt insbesondere die Mitarbeiter/innen der touristischen Abteilung bei Ausflügen zu spüren. Da die Mehrzahl der Passagiere getreu dem Motto: „Reise vor dem Sterben, sonst reisen deine Erben“ bereits ein gewisses Alter erreicht haben, spielt bei Auslandsreisen auch eine gewisse Unsicherheit mit. Fremde Sprachen, fremde Sitten, fremdes Essen, ungenaue Geschichtskenntnisse (wie im oben erwähnten Fall über Polen) werden oft durch eine Gruppenzugehörigkeit kompensiert, in der man sich sicherer fühlt.

Daher ist es auch so wichtig, eine Bezugsperson in Form einer von der Reederei gestellten touristischen Begleitperson mit jeder Gruppe auf einen Ausflug zu schicken. Die überlässt dann zwar erleichtert der jeweiligen lokalen Reiseleitung das Mikrofon, bleibt aber die Bezugsperson für die Gruppe.

Die Landgänge oder Entdeckungsreisen sollten eigentlich nicht nur das Kennenlernen neuer Landstriche oder Zielorte vermitteln, sondern auch dazu beitragen, das „Fremde“ mit anderen Augen zu sehen. Der Sinn des Reisens bestehe darin, die Vorstellungen mit der Wirklichkeit anzugleichen, und anstatt zu denken, wie die Dinge sein könnten, sie so zu sehen, wie sie sind. Der Tourist zerstört, was er erwartet, indem er es findet.

Diese philosophische Interpretation geht natürlich völlig verloren, wenn Kreuzfahrten nur noch aus Reisen ohne Landgang bestehen, wie sie das Corona-Virus zurzeit hin und wieder erzwingt, wobei die Mitreise einer Reihe von Lektoren, die an Bord erklären, was am Horizont zu sehen ist, den Landgang kaum ersetzen kann. Drei Stunden Guido Knopp bei Youtube sind da wirkungsvoller. Die Berührung mit dem „Fremden“, die Erfahrung, dass es so schlimm ja doch nicht ist, bleibt dabei aus.

In den USA probieren die Kreuzfahrtreedereien ein neues Kreuzfahrtmodell aus. Die Schiffe werden immer größer und damit auch die Vielfalt der Angebote an Bord. Diese Schiffe ziehen ein jüngeres Publikum an, das sich weniger weiterbilden, sondern einfach nur „Urlaub“ machen, Spaß haben möchte. Diese Angebotsform wurde schon im vergangenen Jahr vor allem in den USA konsequent ausgebaut mit einer Reihe von Testfahrten.

Unter Bezeichnungen wie beispielsweise „Perfect Day“ (Royal Caribbean) wurden Kurzreisen aufgelegt, die nur noch eine reedereieigene Insel und – je nach Dauer – höchstens noch eine oder zwei weitere Stationen im Programm haben. Damit erreichte der Vertrieb den Kern einer neuen Nachfrage, die nur nach Zerstreuung, Amüsement und intensiver Kommunikation sucht und dafür ein Angebot an möglichst breit gefächerten Vergnügungs- und Shoppingmöglichkeiten braucht. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Spa-Bereich sowie alle Arten sportlicher Betätigung und viel Musik am Abend zum Feiern, Tanzen oder auch nur zum Zuhören. Aufwendige Shows sind dabei kein Renner, Comedy reicht.

Da der Aufenthalt auf der eigenen Insel sich über eine längere Zeit erstreckt als die sonst üblichen Kurzaufenthalte während einer Kreuzfahrt, muss dort ebenfalls für viel Abwechslung gesorgt werden. Der Vorteil für die Reederei: Alle Einnahmen fallen unter die Rubrik „An-Bord-Umsätze“, die damit zum dominierenden Standbein des Umsatzes und der Rendite bei diesen Fahrten werden.

Die ersten Versuche, Kreuzfahrten von Landgängen zumindest teilweise abzukoppeln, sind sehr positiv verlaufen. Die Reedereien berichten von vielen Neukunden, vorwiegend jugendliche Neueinsteiger, die noch nie eine Kreuzfahrt gemacht haben. Im Ansatz ist das Angebot mit der Anziehungskraft des „Ballermanns“ auf Mallorca zu vergleichen. Mit diesem Experiment beweist die Kreuzfahrt, dass sie durchaus in der Lage ist, ihr Gesamtangebot noch weiter als bisher angenommen auffächern zu können. Sollte sich dieser Teilmarkt erfolgreich durchsetzen, sind „Partyschiffe“ mit mehr als den bisher 6.500 Passagieren an Bord durchaus denkbar. Auch im Zeichen der Pandemie dürften sich Hygienekonzepte hier leichter durchsetzen als in der sonst üblichen Angebotsform.

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